Inhaltsbereich

Süddeutsche Zeitung, 26.03.2011

Vernetzt zusammen leben

In der neuen Mehrgenerationen-Wohnanlage „Forum am Luitpoldpark" sollen behinderte und nicht behinderte Menschen offen kommunizieren können.
Von Ellen Draxel
Schwabing – Das Zauberwort heißt Vernetzung. In der neuen Mehrgenerationen-Wohnanlage „Forum am Luitpoldpark", die die Stiftung Pfennigparade für rund hundert ältere Menschen mit körperlicher Behinderung im Frühjahr 2013 an der Belgradstraße 104 nahe dem Scheidplatz realisieren will, sind nicht nur die Gebäude mittels überdachter Rampen und Laubengänge miteinander verbunden. Auch die Grünflächen korrespondieren mit den gegenüberliegenden Freiflächen des Schwabinger Krankenhauses, so dass beide Parkareale optisch quasi zusammenwachsen. Das Ziel der Anlage ist die Begegnung, das Kommunizieren von behinderten und nicht behinderten Menschen. Sie können im öffentlichen Café an der südlichen Ecke der Belgradstraße einen Latte Macchiato miteinander trinken, in den Offenen Werkstätten zusammen schreinern, ihr Fahrrad flicken oder einfach Seite an Seite durch den neuen Wohnpark schlendern.

Auch die Grünflächen korrespondieren mit der Umgebung
Das zumindest ist die Vision, die Gernot, Steinmann, Vorstand bei der Stiftung Pfennigparade vorschwebt. Und noch ein bisschen mehr. „Mein vorsichtiger Wunsch an die Stadt wäre, dass die neuen Wohnungen nicht nur Behinderten, sondern auch sozial bedürftigen Münchner Bürgern offen stehen." Ein Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen, wie es bereits in den Werkstätten und der Schule der Pfennigparade erfolgreich praktiziert wird. Der Bedarf sei da, betont Steinmann, die Anfragen häuften sich.
Die Flexibilität dafür bietet das neue Forum. Die Pläne der Münchner Architekten Bauer Kurz Stockburger & Partner, deren Entwurf das Preisgericht Anfang März einstimmig angenommen hatte, sehen einen rund hundert Meter langen, fünfgeschossigen Riegel längs der Belgradstraße vor, der den begrünten Innenhof vom Straßenlärm abschirmen soll. Die beiden unteren Etagen sind voll verglast und in Räume aufgeteilt, die allen Besuchern offen stehen. Als Publikumsmagnet wird dort das Café mit Galerie zu finden sein, aber auch die Offenen Werkstätten, das Behindertenreferat der Münchner Volkshochschule, eine medizinische Praxis mit Therapieangeboten und Veranstaltungsräume für Lesungen. Lichtbilder-Vorträge oder Sitzungen.
Die Stockwerke drei, vier und fünf dagegen sind dem Wohnraum vorbehalten. Sie setzen sich auch optisch von dem Säulengang der öffentlichen Passage darunter ab, die Erker sind leicht vorgezogen, nach außen verputzt und zum Innenhof hin an den Brüstungen mit Holz verschalt. 32 Menschen die einen hohen Pflegebedarf haben, können hier stationär versorgt werden, ohne isoliert zu sein: Sie leben in Wohngruppen zu jeweils acht Personen zusammen. Auch ein kleiner Hospizbereich ist vorgesehen, um den Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen Umzug zu ersparen.
Auf der anderen Seite des Komplexes, durch ein Treppenhauses getrennt, sind vier WGs mit ambulanter Versorgung geplant: Jeweils vier Mieter, wovon jeder ein kleines Appartement mit eigener Kochzeile und Bad sein eigen nennen darf, leben in betreuten Hausgemeinschaften mit einem Gemeinschaftswohnzimmer und einer großen Küche zusammen. „So kann sich jeder zurückziehen, wenn er möchte, vereinsamt aber nicht", erklärt Steinmann. Beide Bereiche sind so konzipiert, dass sie jederzeit verändert werden können. Sind Plätze in den stationären Appartements frei können sie zu Hausgemeinschaften umgewidmet werden und umgekehrt.
Ergänzt wird der lange Baukörper durch zwei kleinere Gebäude, die südlich und nördlich des Grundstücks U-förmig per Laubengang mit dem Riegel verbunden werden. Sie beherbergen 42 Eineinhalb- bis Drei-Zimmer-Mietwohnungen, die ausschließlich an Menschen vergeben werden, die körperlich behindert und nicht mehr berufstätig sind, und an deren Angehörige.
Die komplett in Holz gehaltene Kindertagestätte für rund hundert kleine Mädchen und Jungen, deren Errichtung der Stadtrat an die Vergabe des rund 10 400 Quadratmeter großen Grundstücks gekoppelt hatte, soll zwischen den beiden Seitenflügeln entstehen. Das Haus ist zweigeschossig angelegt: Der integrative Kindergarten befindet sich im Erdgeschoss mit direktem Zugang zum Garten. Dafür bekommen die vier Krippen-Gruppen im ersten Stock eine zusätzliche große Spielfreifläche auf dem Dach.

Die Stiftung Pfennigparade freut sich auf das „Sahnegrundstück"

Rund 20 Millionen Euro, schätzt Steinmann, wird der Neubaukomplex kosten. Das bayrische Sozialministerium bezuschusst das Projekt, soll doch der großteils einkommensschwachen Mieterschaft ein selbstständiges Wohnen zu bezahlbaren Preisen ermöglicht werden. Bedingung für die Aufnahme im „Forum ist, Münchner Bürger und als sozial bedürftig anerkannt zu sein. Vorgegeben sind anfangs neun Euro Miete pro Quadratmeter – ob da noch Spielraum für die Installation regenerativer Energien bleibt, lässt der Vorstand offen.
Steinmann jedenfalls ist froh, endlich auf diesem „Sahnegrundstück" bauen zu dürfen. Es liegt nicht nur 500 Meter von der Haupteinrichtung der Pfennigparade in der Barlachstraße entfernt. Es befindet sich auch in unmittelbarer Nähe des Schwabinger Krankenhauses, des Luitpoldparks und des für Rollstuhlfahrer zentralen U-Bahnhofes Scheidplatz. Vor drei Jahren noch hatte es danach ausgesehen, als werde das ehemals „50 Plus" genannte Projekt am Ackermannbogen realisiert werden – zumal sich auf dem Grundstück am Scheidplatz seit fast hundert Jahren ein Tennisplatz befand. Der damals stark involvierte Westschwabinger Bezirksausschuss votierte seinerzeit denkbar knapp für den Bau am Scheidplatz: mit 14 zu 13 Stimmen.
Dass dennoch erst 2013 mit der Umsetzung begonnen werden kann, liegt an den Containern, die noch den Bauplatz blockieren. In ihnen sind die Schüler der von der Pfennigparade getragenen Ernst-Barlach-Schulen untergebracht. Ihr Schulgebäude wird derzeit abgerissen und neu errichtet.