Süddeutsche Zeitung, 10.08.2011
Eine Gemeinschaft, die bewegt
Das neu entwickelte Sportprogramm Emoki bringt Behinderte und Nichtbehinderte zusammen – die DJK München-Haidhausen erhält dafür eine Auszeichnung
Von Iris Wehn
Haidhausen – Eine Skibob-Freizeit war die Initialzündung für Emoki, dem Sportprogramm „für alle": Die sportlich anspruchsvollen Tage im Schnee mit zehn geistig und körperlich behinderten Kindern empfand die Sportlehrerin Laura Zölls als so wertvoll und fördernd, dass sie dieses Erlebnis nicht nur ihren Schülern von der Bogenhausener Phönix-Schule ermöglichen wollte. Diese ist ein Förderzentrum für Kinder mit Störungen des zentralen Nervensystems.
Die Idee für den Aufbau eines öffentlichen, möglichst vielfältigen und aufregenden Sportangebots war geboren: Emoki – der Name leitet sich von Emotion, Motivation und Bewegung ab – ist allerdings ein Programm, das sich nicht nur an Kinder mit Behinderung wendet, sondern an alle: Inklusionssport.
„Wir wollen nicht, dass Kinder mit Behinderung immer nur unter sich bleiben", fordert Zölls. Die 2009 verabschiedete Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die für die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse von Behinderten und Nicht-Behinderten sorgen will, möchte die Initiatorin auch im Sport umgesetzt wissen.
Beim Basketball spielen einfach alle im Rollstuhl.
Deshalb wollte Sportwissenschaftlerin Zölls keinen Verein in den eigenen Reihen gründen, sondern machte sich mit ihren Mitstreitern gezielt auf die Suche nach einem bestehenden Sportverein, an den sie mit ihrer Idee andocken konnte. „Das war superschwierig. Viele Hallen sind einfach nicht behindertengerecht, aber einige Vereine konnten sich auch gar nicht vorstellen, dass Sport gemeinsam mit Behinderten funktionieren kann", erzählt sie von den Anfangsschwierigkeiten. Im katholischen Sportverein DJK München-Haidhausen an der Preysingstraße fand Emoki schließlich einen offenen Partner. Seit April gibt es nun dort die neue Abteilung für Behinderten- und Inklusionssport.
Und wie läuft der ab? „Ganz normal: Aufwärmen, Spiel aussuchen, Mannschaften wählen, spielen", erklärt Zölls den Ablauf. Ganz konkret bedeutet das, dass sechs Rollstuhl-Kinder mit drei Läufer-Kindern zusammen spielen und einen Riesenspaß haben – etwa beim Rollball, wo gegnerische Kegel umgestoßen und die eigenen geschützt werden müssen. „Rücksichten werden da keine genommen", sagt Zölls lachend, wenn sie von dem bedingungslosen Sportgeist ihrer Vereinsschützlinge spricht. Und wenn spieltechnische Gründe es erfordern, etwa beim Basketball, spielen einfach alle im Rollstuhl. „Die Kinder, die laufen können, wollen gar nicht mehr raus – da heißt es: Ich fahr kurz noch dahin." Aber es geht natürlich nicht nur um die Gaudi, mal im Rollstuhl zu fahren. „Die Kinder lernen durch den gemeinsamen Umgang auch Rücksicht, Geduld und vor allem, dass jeder Mensch gleich viel wert ist", betont Laura Zölls.
Und das lernen sie nicht nur in der Hallensportgruppe, sondern auch in der Schwimmsport-, der Läufer- und der Klettergruppe, die in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein entstand. Für die kurze Dauer des Bestehens von Emoki ist das schon ein ganz beachtliches Programm. Und es wächst noch weiter: Nach den Pfingstferien starten noch zwei Gruppen für Erwachsene mit Pilates und Aquafit.
Die meisten Gruppen bestehen bislang noch vor allem aus der Schülerschaft der Phoenix-Schule. Doch das allgemeine Interesse nimmt zu und Gabriele Weihmüller-Feil, Vorstand des DJK München-Haidhausen, wünscht sich sehr, dass künftig auch Emoki-Angebote in den Turnhallen des Edith-Stein-Gymnasiums im Kirchlichen Zentrum an der Preysingstraße stattfinden werden können. Denn in Haidhausen ist der Bedarf nach Sportangeboten für Kinder groß – die für alle Gruppen angestrebte ausgewogene Mischung von Kindern mit und ohne Behinderung würde sich so vermutlich sehr schnell realisieren lassen. Bislang melden vor allem solche Eltern ihre Kinder bei Emoki an, die selbst Erfahrungen im Umgang mit Behinderten gemacht haben und ihren Kindern die guten Erfahrungen selbst ermöglichen wollen. Für viele andere gibt es nach wie vor noch Berührungsängste.
Am 15. Juli, wenn der DJK für ihre neue Inklusionssportabteilung das Siegel des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands (BVS) verliehen wird, können vielleicht manche dieser Ängste genommen werden: Bei der Verleihung stellt sich Emoki nicht nur vor, sondern präsentiert auch seine vielfältigen Aktivitäten. Mehr Informationen gibt es unter www.emoki-sport.de.



