Süddeutsche Zeitung, 27.07.2011
Schule ohne Hindernisse
Stiftung Pfennigparade errichtet 18-Millionen-Euro-Projekt an der Barlachstraße
Von Ellen Draxel
Schwabing – Noch werden die Grund- und Hauptschüler der Ernst-Barlach-Schule in einem Provisorium unterrichtet. Bis zum Sommer 2012 sollen sie in den Containern am Scheidplatz bleiben. Nach den Ferien im kommenden Jahr dürfen sie dann, wenn alles glatt geht, in ihr neues Domizil umziehen. Die Stiftung Pfennigparade, alleiniger Gesellschafter der Ernst-Barlach-Schulen, baut am Standort des inzwischen abgerissenen, früheren Schulgebäudes in der Barlachstraße 38 ein modernes Zentrum mit Räumen für eine neue Grund- und Hauptschule, eine Fachoberschule und eine schulvorbereitende Einrichtung. Direkt neben dem Hauptkomplex der Rehabilitationseinrichtung, in dem körperbehinderte Menschen betreut werden. Die Grundsteinlegung für den Neubau am Montag stand unter einem guten Stern: Das Wetter war prächtig, Kinder ließen Luftballons in den Himmel steigen.
„Das alte Haus war 40 Jahre alt, stark abgenutzt und aus statischen Gründen nicht erweiterbar", erklärte Günther Raß, Geschäftsführer der Ernst-Barlach-Schulen GmbH. Weil es an Platz mangelte, hatte man außerdem die Fachoberschule in die Klopstockstraße ausgelagert. „Künftig, wenn alles unter einem Dach ist", sagt Raß, „können wir die Kooperation zwischen den Schulen wesentlich besser gestalten." Das Förderzentrum lebt von einer engen Verzahnung von Therapie und Unterricht. Auch das Ganztagesangebot soll ausgeweitet werden, um den Tag für behinderte Schüler besser rhythmisieren zu können. Die Pläne für den Neubau stammen aus der Feder der Münchner Architekten Bauer Kurz Stockburger &Partner. Sie sehen einen viergeschossigen, nahezu komplett verglasten, geschwungenen Rundbau vor, der mit dem bereits bestehenden Bau über einen kurzen Durchgang verbunden wird. Auf rund 9000 Quadratmetern Geschossfläche entstehen im Eingangsbereich eine Pausenhalle, ein Mehrzweckraum, eine Lehrküche und die schulvorbereitende Einrichtung. In den oberen Stockwerken befinden sich dann die Klassen- und Gruppenräume für die Grund- und Hauptschule sowie die Fachoberschule. Die Unterrichtsräume erhalten keine normalen Tafeln, sondern interaktive Smartboards. Das Untergeschoss ist der An- und Abfahrt der Kleinbusse vorbehalten. 16 Stellplätze stehen zur Verfügung.
Ein Rampenweg führt stufenfrei zu allen Klassenzimmern.
Zentrales vertikales Element des Komplexes ist eine gewendelte Rampe im Zentrum. Sie ermöglicht den Rollstuhlfahrern Unabhängigkeit. „Die Rampe", sagt Architekt David Reichert, „wird unverwechselbares Zeichen der besonderen Situation der Barlach-Schulen unter dem Motto: ‚Schule in Bewegung'." Beginnend unten bei den Bussen führt der Weg durch alle Geschosse bis an jedes Klassenzimmer. Daneben verbinden zwei Treppenhäuser, eine offene Treppe und zwei große Aufzüge die Stockwerke auch auf kurzem Wege. Flure im klassischen Sinn wird es nicht geben, alle Flächen sind offene Galerien und prägen die freie Atmosphäre des Hauses. Spiel- und Aufenthaltsbereiche sowie Garderoben und Wartezonen finden aber dennoch Platz.
Innerhalb des Rampenweges dominiert ein helles Atrium. Es soll bis unter das zentrale, gefaltete Glasdach in der Mitte des Rundbaus reichen. Sonnenschutzverglaste Flächen wechseln sich bei der winkelförmigen Dachkonstruktion mit geschlossenen Paneelen ab. Der Rest des Daches wird extensiv begrünt.
Wenn die 300 Schüler über den Haupteingang an der Barlachstraße den Neubau erstmals betreten, werden sie zunächst entlang eines beleuchteten Geländers über den Vorplatz geführt. Haben sie das Gebäude erreicht, werden sie schnell die architektonische Umsetzung des Inklusionsgedankens spüren, der bei der Pfennigparade seit Jahren Politik ist: Dass Kinder mit einer Behinderung gemeinsam mit nicht behinderten Kindern Seite an Seite lernen können. Dass sie die Chance haben, sich gegenseitig zu unterstützen und dabei Hemmschwellen und Vorurteile abzubauen. „Eine barrierefreie Gesellschaft beginnt im Kopf", betont Christoph Hillenbrand, Regierungspräsident von Oberbayern.
18 Millionen Euro soll das Projekt insgesamt kosten, einen großen Teil übernimmt der Freistaat. Die Stiftung Pfennigparade selbst investiert vier Millionen Euro.



