Süddeutsche Zeitung, 10.08.2011
Mit der elektronischen Fackel durch die City
Rollstuhlfahrer und Betreuer unternehmen eine Schnitzeljagd mittels GPS-Navigationsgeräten – nicht nur Bordsteinkanten entpuppen sich als Hürde
Von Jan Knobloch
Altstadt – Zerrin Vaizoglu ist querschnittsgelähmt. Ihre Beine kann die 20-Jährige nicht mehr bewegen, der Rollstuhl, in dem sie sitzt, ist zum lebenswichtigen Fortbewegungsmittel geworden. Sie ist es nicht gewohnt, Leuten Anweisungen zu geben oder eine Gruppe zu führen – und doch laufen ihr gerade alle hinterher. Vergnügt grinsend sitzt Zerrin in ihrem rollenden Sitz, eine lila Decke über den Beinen und einen Leopardenschal um den Hals geschlagen, in der Hand ein GPS-Gerät. Das Navigationssystem ist die elektronische Fackel, der die Kolonne aus vier weiteren Rollstuhlfahrern und Betreuern hinterherläuft beziehungsweise fährt, und Zerrin genießt das Gefühl des Führens. Mitten in der Kaufingerstraße hält sie dann neben einem Modegeschäft an. Obwohl der Pfeil auf dem Display immer noch genauso geradeaus zeigt, wendet sie sich zu ihrem Betreuer und sagt: „Markus, der zeigt rechts", genau in die Ladentür. Dann lacht sie, kindlich, echt, zufrieden.
Drei derart satellitengesteuerte Gruppen von Rollstuhlfahrern zogen so durch die Münchner City. Sie alle kommen aus der „Perspektive", einer Förderstätte für Menschen mit schwersten Körper- und Mehrfachbehinderungen, die dem Rehabilitationszentrum Pfennigparade unterstellt ist. Im Stile des Geocaching (siehe Info-Kasten rechts) sollten verschiedene Stationen abgefahren werden, um die Innenstadt auf Rädern zu erleben. Und da die Perspektive gerade zwanzig Jahre alt geworden ist, wurde die Aktion von einer Firma durch Mitarbeiter und Elektronik zusätzlich unterstützt.
„Da war ich mal drin, als ich noch laufen konnte", sagt Zerrin.
Der Himmel über München ist grau an diesem Tag, hin und wieder nieselt es leicht. Die Route, die Gruppe Rot vor sich hat, ist ambitioniert: Vom Marienplatz sind sie bereits bis zur Frauenkirche gekommen, vor ihnen liegt noch der Dianatempel in der Residenz, der Viktualienmarkt, und zum Schluss noch das alte Rathaus. Vor dem Tor bei den zwei Türen sagt Zerrin: „Da war ich mal drin, als ich noch laufen konnte." In ihrem Ton liegt kein Selbstmitleid, es ist nur eine Feststellung.
Zwei der fünf Teilnehmer steuern ihren Rollstuhl über einen Knüppel selbst, drei werden geschoben, eine Frau läuft manchmal. Man kommt nur langsam vorwärts, was aber niemanden zu stören scheint. „Hier müssen wir runterfahren, dort vorne geht es nicht mehr", ruft Marcel Willmes. Er meint die circa 200 Meter lange Strecke Bordstein, die vor ihm liegt, und keine weitere Absenkung mehr hat. Von den Fußgängern hatte das niemand bemerkt, für jeden von ihnen ist das heute ein Sensibilisierungsprozess.
Willmes erlitt als Kind einen Impffehler, Kontaktimpfpoliomyelitis nennen das die Ärzte. Sein Körper hat sich daraufhin nie vollständig entwickelt, sein Geist jedoch ist wach. Da das GPS der Gruppe Rot regelmäßig nicht in trockene Bäuche Münchner Kirchen, sondern auf Plätze führt, die man eigentlich gar nicht erreichen wollte, zückt er sein eigenes Smartphone mit Navigationsfunktion und googelt darauf los. Er und Zerrin sind die fittesten im roten Team, sie teilen sich heute die Führung. Sie sind die einzigen unter den fünf, die auch in der Werkstatt der Pfennigparade in Unterschleißheim beschäftigt sind, wo sie zum Beispiel Skibindungen zusammensetzen, Postkarten eintüten oder Feuerzeuge in Kartons einsortieren.
Mittlerweise sind sie im Dianatempel angekommen. Zerrin bemerkt, das sei ja langweilig, dass hier abends Salsa getanzt werde. „Hip Hop", sagt sie entschlossen, und erntet wohlwollendes Gelächter. Dort in dem Rollstuhl sitzt eben auch nur eine arbeitende, lebenslustige junge Frau, die Mario Barth und Bülent Ceylan lustig findet und Rap-Musik hört. Berührungsängste, falls es welche gab, verflüchtigten sich an diesem Nachmittag schnell im grauen Münchner Himmel. Nur die Technik wollte nicht immer mitspielen und so verzichten die Teilnehmer eben darauf, und verlassen sich statt auf Satelliten auf ihren Instinkt oder das Vorwissen der Organisatoren.
Es gibt jedoch auch Technik, auf die viele Perspektive-Mitglieder nicht mehr verzichten wollen. Einige von ihnen verwenden elektronische Kommunikationshilfen, auch Talker genannt, die Eingaben beeinträchtigter Menschen in Laut- oder Schriftsprache umwandeln. Diese Eingaben können etwa über einen Sensor an der Kopfstütze eines Rollstuhls oder sogar über Augenbewegungen getätigt werden. Auch im Internet tut sich etwas: Auf Wheelmap.org zum Beispiel ist einsehbar, welche Bereiche einer Stadt rollstuhlgerecht sind und welche nicht.
Die Karte funktioniert ähnlich wie Google Maps, und die Nutzer können selbst eintragen, was geht und was nicht. Auch sogenannte Apps für Smartphones gibt es schon dazu. Den Bereich rund um den Marienplatz zeigt die Webseite übrigens vorwiegend in grün an, was rollstuhlgerecht bedeutet. Nur einige rot eingefärbte Restaurants trüben die Bilanz, graue Flecken bedeuten unbekanntes Gebiet. Die Erfahrungen ihrer heutigen Schnitzeljagd will die Perspektive demnächst auch hier einspeisen. Dann gibt es ein paar graue Flecken weniger.



