Süddeutsche Zeitung, 30.08.2011
Zukunft und Zuflucht
Seit 20 Jahren betreibt die Perspektive in Unterschleißheim erfolgreich eine Förderstätte und ein Wohnheim für Schwerstbehinderte
Von Alexandra Vettori
Unterschleißheim – Es ist gerade 20 Jahre her, doch zwischen den Anfängen der Perspektive und heute liegen Welten. Gegründet wurde die Perspektive als Tochtergesellschaft der Stiftung Pfennigparade, auf Drängen von Eltern. Wo bitte, fragten sie hartnäckig, sollen ihre schwerst- und mehrfachbehinderten Kinder hin, wenn sie der Schulpflicht entwachsen waren? Den Anforderungen von Behindertenwerkstätten sind sie meist nicht gewachsen, in Einrichtungen für geistig Behinderte passen sie auch nicht und in Altenheime, wo manche in der Not untergebracht wurden, schon gar nicht. Auf der Suche nach einem Standort für die neue Förderstätte half damals Unterschleißheims Bürgermeister Rolf Zeitler (CSU), und bald war eine alte Fabrikhalle aufgetan.
Grundprinzipien sind Eigenständigkeit und individuelle Förderung.
Frank Karlsen-Lasshof, neben Petra Werle Geschäftsführer der Perspektive, kann sich an die Anfänge noch erinnern: „Das war abenteuerlich, die Halle hatte zugige Fenster, die Heizung fiel immer wieder aus, und die Teilnehmer haben wir mit einem Lastenaufzug transportiert. Die Holzwerkstätten im Keller hatten nicht einmal richtige Fluchtwege." Und doch gab es, als sich Teilnehmer beim Jubiläumsfest erinnerten, auch wehmütige Stimmen, welche die Spontaneität und Kreativität der Anfangszeit lobten. Seit 1998 hat sich die räumliche Situation massiv verändert. Da haben sie ein eigenes Haus gebaut, mit hellen, großen Räumen, dichten Fenstern, wunderbaren Aufzügen, Ruhe- und Gymnastikräumen, maßgeschneidert sozusagen. Die Grundprinzipien der Perspektive freilich blieben: So viel Eigenständigkeit wie möglich und – individuelle Förderung mit allen Sinnen. Seit zehn Jahren gibt es auch ein modernes Wohnheim, zu dem manche Bewohner sogar eigenständig im Rollstuhl fahren.
Heute bietet die Perspektive 71 Plätze in der Förderstätte, 15 in einer Werkstatt-Orientierungsgruppe, die schöne und nützliche Dinge herstellt. Vormittags wird gearbeitet, nachmittags stehen Neigungsgruppen auf dem Stundenplan, vom Chor bis zur Entspannung, von Hirnleistungstraining bis Computern. Es gibt eine Holzwerkstatt, es gibt plastisches Gestalten von Ton, Speckstein und Korb und einen Kreativbereich, in dem Schmuck, Kerzen, bemalte Seidentücher und Grußkarten entstehen. Gerade ist ein Auftrag eingegangen, das Dolce-Hotel möchte 1200 Weihnachtskarten, bis Oktober sind sie fertig.
Eine Besonderheit der Perspektive ist die Werkstatt-Orientierungsgruppe. Die 15 Teilnehmer sind räumlich einer benachbarten Behindertenwerkstatt angegliedert. „Immer wieder schaffen welche den Sprung in die Werkstatt", berichtet Karlsen-Lasshof stolz. Anfangs, als Einrichtungen wie die Perspektive rar waren, kamen die Teilnehmer von weit her, obwohl das Einzugsgebiet Oberbayern ist. „Es gab einige Familien, die extra hier hergezogen sind", weiß Karlsen-Lasshof. Viele Teilnehmer sind Unfallopfer, haben schwere Schädel-Hirn-Verletzungen, Schlaganfälle, Arterienverstopfungen. Während die Zahl der bei der Geburt durch Sauerstoffmangel Geschädigten seit Jahren stagniert, steigt die Zahl der Unfallopfer. Der Grund liegt in der immer besseren Rettungsmedizin, dank der immer mehr Menschen überleben, oft aber mit schwersten Behinderungen.
Dass die Menschen trotzdem noch aktiv am Leben teilhaben können, ist auch der Kreativität der 30 Perspektive-Mitarbeiter zu verdanken. Florian Riemer zum Beispiel ist gelernter Orgelbauer und arbeitet als Pflegehelfer in der Holzwerkstatt. Er hat aus einer normalen Standbohrmaschine mittels zahlreicher Steuerungsventile, Hebel und Druckluftschläuche eine Maschine gebaut, bei der die Teilnehmer per Knopfdruck komplizierte Arbeitsschritte steuern. Ein ähnliches Talent gibt es in Burkhard Hallmann, einem ehemaligen Handwerkslehrer, jetzt pädagogischer Mitarbeiter im Kreativbereich. Auch er hat diverse Hilfsmittel gebaut, die den Teilnehmern selbstständiges Arbeiten ermöglichen. „Der Prozess ist entscheidend, sie sehen sich als schaffenden Teil davon und das ist sehr wichtig für sie", erklärt er.
Die Suche nach Kiew als Test für das Erinnerungsvermögen
Einen Gruppenraum weiter findet gerade Psychomotorik statt, eine Mischung aus Gymnastik und Nachdenken. Eine Landkarte ist ausgebreitet, die Heilerziehungspflegerin Birgit Landgraf sucht mit vier Teilnehmern Kiew. Da stammt ein Opa her. „Es geht darum, über etwas nachzudenken, Erinnerungen wach werden zu lassen", erläutert Landgraf den Ansatz. Die Themen reichen von Alltagstraining wie Kochen sowie sinnlichen Übungen wie das Erriechen von Kräutern.
Großen Anklang haben auch die Ich-Bücher gefunden. Während Birgit Landgraf das erzählt, macht sich eine Teilnehmerin bemerkbar. Sie will, dass Landgraf das ihre herzeigt. Babybilder hat Viktoria, so heißt die Teilnehmerin, eingeklebt, ihren wöchentlichen Stundenplan und ihre Lieblingslieder. Ganz oben steht „Kreuzberger Nächte sind lang". Viktoria zeigt darauf und strahlt: „Ich bin ein Fan von Volksmusik."



