... zum Nachdenken

Müssen wir nicht für alles bezahlen? Umsonst ist doch nur der Tod. Sogar beim Schenken rechnen wir, was wir zurückzahlen müssen; das lernen heute doch schon Kindergartenkinder. Geschenke werden in gleichem Wert heimgezahlt. Viele Zeitgenossen wollen sich schon gar nichts mehr schenken lassen, denn man weiß ja nie, welche Absichten der Geber hinter seinem Geschenk versteckt.
Die Wahrheit, dass das Leben in seinen wesentlichen Aspekten Geschenk ist, habe viele Menschen heute vergessen oder verdrängt. Womöglich deshalb, weil sie nicht erlebt haben, dass sich jemand über ihr Dasein gefreut hat und sie niemandem begegnet sind, der sie ausreichend willkommen geheißen hat auf dieser Erde: „Gut, dass Du da bist!".... Mein Leben ist ein Geschenk, einfach so, gratis, alle Wirklichkeit verdankt sich, ist gegeben und braucht nicht erst verdient zu werden. Ohne diese Grunderfahrung kann das Leben leicht zur Hölle und zum gnadenlosen Existenzkampf werden..
Dort wo diese Grunderfahrung („Ich bin bedingungslos geliebt und willkommen ") fehlt oder zu wenig erfahren wurde, fangen Menschen an, sich Ihre Daseinsberechtigung zu verdienen; die Eintrittskarte in diese Welt scheint teuer und nur durch entsprechende Leistung und durch verhängnisvolle Formen der Liebe zu erwerben. Manche arbeiten sich dabei zu Tode, andere wollen das Beheimatet-werden durch Anpassung erreichen und indem sie es allen recht machen. Dabei verschwindet das eigene Sein, das geschenkt ist (biblisch: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin" ; 1 Korinther 15), aus dem Bewusstsein und wird ersetzt durch eine Welt der Konkurrenz und des Wettbewerbs ( „Ich bin, was ich leiste und was ich mir verdient habe.")
Doch das Leben ist in seinen wesentlichen Aspekten geschenkt. So vielem, dem wir begegnen, was uns anspricht und aus dem wir letztlich leben , lässt sich eben nicht berechnen oder bezahlen: der Duft der Blumen, die Luft, die wir atmen, die liebevolle Begegnung, der Sternenhimmel, Zärtlichkeit, Treue, Vertrauen, Geduld, Freude...auch ich selbst bin mir geschenkt, ich habe mich ja nicht selbst erschaffen. All diese möglichen Erfahrungen und Begegnungen und unsere eigene Existenz sind ein Geschenk; das Geschenk eines verlässlichen Gegenübers, eines „Du", das uns ins Leben gerufen hat und uns gern hat.
Das Gedicht von Lothar Zenetti stellt der menschlicher Verbohrtheit und Angst, alles berechnen zu wollen, eine andere Wirklichkeitssicht gegenüber: ein „Wirt" (Symbol für den Schöpfer des Himmels und der Erde), der uns großzügig die gesamte Wirklichkeit zur Verfügung stellt und uns zum Leben in seiner ganzen Fülle einlädt. Eine Einladung, die dem Wirt Vergnügen bereitet und auch uns, wenn wir Ja dazu sagen können.
Gustav Schädlich-Buter


