70 Jahre Pfennigparade – Für gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung

Anfang der 1950 als Bürgerbewegung zur Bekämpfung der Polioepidemie gegründet, begleitet die Pfennigparade Menschen mit Körperbehinderungen und anderen Beeinträchtigungen in allen Lebensphasen l Jetzt feiert sie Jubiläum – und blickt nach vorn

Pressemitteilung:

München, Mai 2022. Unter dem Motto „Jeder Pfennig zählt“ sammelten einst engagierte Bürger nach dem zweiten Weltkrieg für Kinder, die an Poliomyelitis erkrankt waren. Was als Bürgerbewegung entstand, ist heute eines der größten Sozialunternehmen von und für Menschen mit Behinderung in Deutschland. Diese Entwicklung lebt von Menschen, die sich unbeirrbar für gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion einsetzen. Von Menschen mit und ohne Behinderung, die gemeinsam Zukunft gestalten. Am 22. Juni 2022 feiert die Pfennigparade ihr 70-jähriges Jubiläum mit einem Festakt im Münchner Alten Rathaus. Mit dabei sind Menschen der Pfennigparade, Freunde und Unterstützer, Soziale Partner, der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter und viele andere Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft.

Rund 2.500 Mitarbeitende mit und ohne Behinderung gestalten heute in 17 Tochterunternehmen der Pfennigparade aktiv inklusive Lebensräume und schaffen Möglichkeiten der Begegnung von Menschen mit und ohne Handicap. Ihre Ziele: die gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die Pfennigparade ist in den Lebenswelten Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Freizeit tätig.

Aktuelle Projekte der Pfennigparade

In derStuhlflechterei der Pfennigparade beispielsweise erhalten die Mitarbeitenden ein altes Handwerk, das fast völlig ausgestorben ist. Sie beherrschen das Wiener, Dänische und Spanische-Geflecht, einige Mitarbeitende trotz erheblicher Beeinträchtigung der Hände. Ein anderes Beispiel ist die offene Manufaktur INCLU-Sports, dort stellen die Mitarbeitenden handgefertigte Skateboards von höchster Qualität her – und machen vom Verpressen der USA Hard Mapel Furniere bis zum Auftragen der Grafik alles selbst.

Im Bereich Bildung helfen Telepräsenzroboter Kindern und Jugendlichen mit einer Langzeiterkrankung wieder Anschluss an die Schule und ihr soziales Leben zu finden. Das Fernbleiben vom Schulalltag und dem sozialen Umfeld führt oft zu langfristigen Problemen, die die Kinder oft für den Rest ihres Lebens begleiten. Ein Roboter fungiert als ihre Augen, Ohren und Stimme und vertritt sie überall dort, wo sie physisch nicht sein können, da sie sich im Krankenhaus oder zu Hause befinden.

Ein neues Kinderhaus bietet mehr Betreuungsplätze für Kinder mit Körperbehinderung und ermöglicht Inklusion von Anfang an. Kinder mit und ohne Behinderung entdecken gemeinsam die Welt und haben so die Chance, sich offen und vorurteilsfrei zu begegnen.

Alle Beispiele stehen stellvertretend für eine Vielzahl von inklusiven Angeboten der Pfennigparade in der Gegenwart. „Die Entwicklung der letzten 70 Jahre erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit für das, was wir gemeinsam, mithilfe der vielen Unterstützer, Sozialen Partner, Freunde und Mitarbeitenden für die gesellschaftliche Teilhabe und die Inklusion von Menschen mit Behinderung erreicht haben. Unser Weg für eine bessere Zukunft geht weiter. Menschen mit Behinderung übernehmen eine aktive Rolle bei der Gestaltung. Die Zukunft zählt auf uns“, sagt Dr. Jochen Walter, Vorstand der Stiftung, anlässlich des Jubiläumsjahres.

Der Bereich Arbeit und Beschäftigung bietet für individuelle Talente mit und ohne Behinderung ein breites Spektrum an Arbeitsmöglichkeiten.Diese reichen von Technischen-, Kaufmännischen- und IT-Dienstleistungen über Spezial-Angebote zu digitaler Barrierefreiheit bis zu handwerklichen und künstlerischen Tätigkeiten. So gibt es diverse Kunstateliers, eine Schreinerei, eine Gärtnerei und eine Stuhlflechterei.Die Menschen stehen dabei mit ihren Fähigkeiten und Interessen im Mittelpunkt, denn ihr Arbeitsplatz wird individuell auf siezugeschnitten.Arbeitsmöglichkeiten finden sie,entsprechend ihrer Fähigkeiten und Interessen, von der Förderstätte für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf über die Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die nicht oder noch nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, bis zum Inklusionsunternehmen, in dem Menschen mit und ohne Behinderung in gemischten Teams für Kunden arbeiten. Für Unternehmen ist die Pfennigparade mit ihrem Leistungsportfolio ein vielfältiger Partner, sie unterstützt Konzerne, mittelständische Unternehmen und Behörden. Interaktionen und Kooperationen finden meist langfristig statt.

Von der Bürgerbewegung zum Sozialunternehmen

Im Jahr 1952 in München gegründet, unterstützte die Pfennigparade (damals noch Verein Pfennigparade e.V.) zunächst Kinder, die an Poliomyelitis, einer akuten Virusinfektion, die zu bleibenden Lähmungen führen kann, erkrankten. Sie bot die Möglichkeit der Beatmung mithilfe der „eisernen Lunge“ und sicherte so ihr Überleben. Parallel dazu übernahm sie die Impfkosten für die Polioschluckimpfung von Kindern aus sozial benachteiligten Familienverhältnissen. Dr. Eva Madelung, 91 Jahre, Germanistin, Philosophin und Lehrtherapeutin für Systemaufstellungen, zweites Kind von Robert und Margarete Bosch, hat die Zeit der Polioepidemie in München miterlebt. „Ich habe die Kinder im Krankenhaus besucht. Zu dieser Zeit gab es dort keine Schule, die Kinder lagen schlichtweg auf den Gängen. (…) Dann musste ein Gebäude finanziert werden. Das hat mir sehr eingeleuchtet, weil ich die Situation im Schwabinger Krankenhaus kannte. Ich dachte: Das ist eine tolle Idee! Wenn man so was hier hätte, wäre das ein großer Fortschritt. Und die Kinder kämen aus dem Krankenhaus raus und dann könnte man weiterschauen. Also gab es die verschiedenen Bauabschnitte, bis hin zur Schule.“ Dr. Eva Madelung förderte die Pfennigparade und ist ihr bis heute eng verbunden. (Quelle: Jahresbericht Stiftung Pfennigparade 2021, Denkanstoß, Gespräch mit Dr. Eva Madelung, „Sei Mensch und Ehre Menschenwürde“, Seite 28)

In den 1960er Jahren hatte sich die Zahl der Menschen, die Unterstützung benötigten, aufgrund der Contergan-Katastrophe erhöht. Mithilfe von Spenden baute die Pfennigparade eine Grund- und Mittelschule mit Internat und eine Realschule für körperbehinderte Schüler, behindertengerechte Wohnungen neben der Schule und eine spezialisierte medizinische Abteilung. Bruni Bung, eine der ersten Realschülerinnen der Pfennigparade, konnte aufgrund eines Polio-Syndroms nicht am Unterricht einer staatlichen Realschule teilnehmen. Sie war auf die regelmäßige Beatmung in der „eisernen Lunge“ im Schwabinger Krankenhaus angewiesen. Bung zog in das neu gebaute Wohnhaus für Atemgelähmte der Pfennigparade in der Barlachstraße. Im Untergeschoss wurde ein Unterrichtsraum eingerichtet, in dem sie gemeinsam mit sieben anderen Schülern unterrichtet wurde und 1972 ihren Realschulabschluss ablegte. „Klar war, dass wir eine weitergehende qualifizierte Schulbildung brauchten, um später Chancen in Studium und Beruf zu haben. (…) Wir acht (…) waren die erste Pionierklasse der FOS“, so Bung. (Quelle: Festschrift 50 Jahre Schulen, Erinnerungen von Bruni Bung, Seite 27)

Anfang der 1970er Jahre rief die Stiftung Intensivfördergruppen als Wohngruppen ins Leben. Hier lebten
Menschen mit Behinderung, die üblicherweise nur in Krankenhäusern behandelt werden konnten. Die erste Fördergruppe begann mit Menschen, die maschinell beatmet und begleitet werden mussten. Später öffnete die Werkstatt für körperbehinderte Menschen, ein Kindergarten und eine Fachoberschule, weitere behindertengerechte Mietwohnungen folgten. Werner Schwarz, 70 Jahre, Mitarbeiter der Pfennigparade PSG GmbH und als Systemsoftware-Entwickler für Siemens tätig, lebt seit 1977 in der Pfennigparade und ist einer der ersten Bewohner. Schwarz ist seit seinem vierten Lebensjahr behindert, erst mit 10 Jahre besuchte er die Schule, hat einen Hauptschulabschluss in der Heimsonderschule, die Mittlere Reife an einer Wirtschaftsschule und das Abitur abgelegt. Danach hat er Wirtschaftsinformatik studiert. Er habe in der Pfennigparade gelernt, eigenständig und allein zu leben, berichtet er. Vieles habe sich im Vergleich zu früher schon verändert. „(…), heute sind behinderte Menschen im Stadtbild normal. Die Stadt wird zunehmend barrierefreier“, stellt er fest. Für die Zukunft wünsche er sich, dass die Betroffenen mehr beteiligt werden. (Quelle: Stiftung Pfennigparade, Interview im Rahmen des Jubiläums, April 2022)

In den 1980er Jahren bereitete die Pfennigparade als eine der ersten Organisationen bundesweit dem integrativen Schulmodell und der späteren schulischen Inklusion den Weg. Kinder ohne Handicap nahmen am Unterricht der weiterführenden Schulen teil. Das Internat wurde zugunsten von Wohngruppen im Olympiapark aufgelöst, ein folgerichtiger Schritt in Richtung einer inklusiven Gesellschaft. Niederlassungen außerhalb Münchens entstehen, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung werden in mittelständische und große Unternehmen überführt.

In den 1990er Jahren eröffnete die Förderstätte Perspektive mit einer strukturierten Tagesgestaltung und unterschiedlichen Arbeitsangeboten für Menschen, die aufgrund der Schwere der Behinderung nicht in einer Werkstatt arbeiten können. Zudem wurde ein Reha-Programm für Menschen mit erworbener Hirnschädigung etabliert. Das Integrationsunternehmen Sigmeta, in dem Menschen mit und ohne Behinderung in gemischten Teams arbeiten, nimmt den Betrieb auf.

Im Jahr 2004 öffnete das Konduktive Förderzentrum der Phoenix Schulen und Kitas GmbH und damit die vierte Schule der Pfennigparade für Kinder mit Körperbehinderung. Hier lebt man die konduktiven Förderung nach Prof. Petö, einer ganzheitlichen Kombination aus Therapie und Bildung. Die Pfennigparade wurde außerdem Mitgesellschafterin des Kinderhaus AtemReich, darin leben dauerbeatmete (Klein-) Kinder, die eine interdisziplinäre Intensivbetreuung benötigen.

2013 weihte die Stiftung den Neubau einer Grund- und Mittelschule der Ernst-Barlach-Schulen ein. Das Forum am Luitpold wurde eröffnet und bietet Wohnangebote für Menschen mit und ohne Körperbehinderung, das integrative Kinderhaus Sternstunden, eine Arzt- und Therapiepraxis sowie öffentliche Gemeinschaftseinrichtungen. Am Oberföhringer Wehr entstand die INSEL (Inklusive Natur-, Sport- und Erlebnis-Landschaft) und ein Waldkindergarten. Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen können in einem Medizinischen Zentrum für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) ergänzend zum Regelsystem medizinisch versorgt werden. Neue Außenstandorte wie die Münchner Bücherkiste, das KreativLabor, das Büchercafé Beans & Books und den Upcycling-Laden INCLU Sports öffneten.

Im September 2020 zog eine Wohngruppe in das neue Wohnquartier Prinz-Eugen-Park. Es bietet Platz für 24 junge Erwachsene, darunter Schüler und Berufstätige. Zwei weitere inklusive Kinderhäuser in der Markomannenstraße und der Baubergerstraße entstehen. Im Dezember gleichen Jahres öffnete die Pfennigparade Phoenix Schulen und Kitas GmbH die inklusive Kinderkrippe an der Salzbrücke.

Über die Pfennigparade

Seit die Pfennigparade vor 70 Jahren als Bürgerbewegung zur Bekämpfung der Polioepidemie gegründet wurde, begleitet sie Menschen mit Körperbehinderung und anderen Beeinträchtigungen. Mittlerweile in allen Lebensphasen der Lebenswelten Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit und Freizeit. Ihre maßgeblichen Ziele sind Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sie unterstützt Menschen mit Behinderung dabei selbstbestimmt größtmögliche Lebensqualität zu erreichen. Mehr Infos unter www.pfennigparade.de

Veranstaltungshinweise:

Jubiläumsfeier 70 Jahre Pfennigparade im Münchner Alten Rathaus

Termin: Mittwoch, 22. Juni 2022, Einlass ab 17:30 Uhr, Beginn 18:00 Uhr, Ende 19:30 Uhr bis open End
Adresse: Altes Rathaus am Münchner Marienplatz
Ansprechpartner vor Ort: Thomas Heymel, Stiftung Pfennigparade, Mobilnummer: 0176.19900448

An der Jubiläumsfeier nehmen Menschen aus der Pfennigparade, Freunde und Unterstützer, Soziale Partner sowie der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, Head of People & Culture – UniCredit Bank AG Dr. Christoph Auerbach, die Staatssekretärin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz, und viele weitere Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft teil.Kreative Beiträge umrahmen die Veranstaltung.

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