„Rückkehr der Namen“: Erinnern an Opfer aus der NS-Zeit

Viele Personen mit Plakaten am Odeonsplatz

Am 11. April 2024 zogen 1.000 Münchnerinnen und Münchner im Rahmen des Projektes „Rückkehr der Namen“ des Bayerischen Rundfunks mit Schildern durch die Stadt und erinnerten an die Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Die Stiftung Pfennigparade gehörte seit Projektstart zu den Unterstützern. Dazu gab es im Februar eine Projektwoche an der inklusiven Ernst-Barlach-Schule und engagierte Schülerinnen haben sich mit den Biografien dieser Menschen befasst und Patenschaften für sie übernommen. Anna, eine der Teilnehmerinnen, formuliert ihr Engagement so: „Dieses Projekt liegt mir sehr am Herzen, weil ich finde, dass wir als junge Erwachsene die Verantwortung dafür tragen, ähnlichen Verbrechen nie wieder einen Platz in unserer Geschichte zu gewähren.“Die Schülerinnen und einige Mitarbeitende der Pfennigparade wollten die Namen, Gesichter und Schicksale zurück ins Bewusstsein bringen und standen am 11. April mit Schildern an zahlreichen Orten, die Bezug hatten zu den Lebens- und Leidensgeschichten. Im Anschluss daran ging es auf dem „Weg der Erinnerung“ vom Königsplatz in Richtung Odeonsplatz, auf dem die Abschlussveranstaltung stattfand. Mit dabei waren unter anderem Oberbürgermeister Dieter Reiter, Dr. Charlotte Knobloch, Überlebende aus der Zeit und viele mehr.

Direkte Nähe zu den Schicksalen

Die Pat*innen der Stiftung Pfennigparade fanden sich mit ihren Schildern teilweise vor den Häusern ein, in denen die Menschen vor ihrer Ermordung lebten. Diese direkte persönliche Nähe war den Initiator*innen wichtig und auch den Pat*innen und Passant*innen, mit denen sie ins Gespräch kamen, ging es so: „Sich bewusst zu machen, dass an diesen Orten, an denen wir täglich vorbeikommen, diese Schicksale stattgefunden haben, ist sehr ergreifend.“

Susanne Schönwälder, Geschäftsführerin im Bereich Bildung, steht mit ihrem Vater, einem pensionierten Lehrer, vor dem Gebäude in der Goethestraße 49, um an Karoline Bischofsheimer zu erinnern.

Die Willkür wird einem bewusst

Susanne Schönwälder, Geschäftsführerin im Bereich Bildung, stand mit ihrem Vater, einem pensionierten Lehrer, vor dem Gebäude in der Goethestraße 49. Hier hat Karoline Bischofsheimer nach dem Tod ihres Mannes mit ihren zwei Kindern gelebt. Die Kinder Berta und Heinrich schafften es, nach New York zu emigrieren. Ihre Mutter wurde nach Litauen deportiert und dort fünf Tage später ermordet. Susanne Schönwälder hat für diese Frau eine Patenschaft übernommen und sagt: „Ich finde an dem Projekt schön, dass es nicht an einem speziellen Gedenktag stattfindet, sondern an irgendeinem Tag – willkürlich ausgesucht. So willkürlich wie die Opfer damals. Es gab keinen Grund, warum genau sie bestraft wurden. Und auch die Täter waren Menschen wie du und ich. Sie hatten Liebeskummer, Latein-Nachhilfe, Freundschaften und Hobbies. Und dann wurden sie Mitläufer, Schweiger, Mittäter. Und genau das zeigt: Auch wir sind nicht gefeit davor. Das müssen wir uns jeden Tag bewusst machen und unser Gewissen befragen.“ Und ihr Vater ergänzt: „Auch heute haben Menschen wieder Angst. Und deswegen stehen wir hier: Uns zu erinnern, dass so etwas nie wieder passieren darf.“

Carola Birzele, Lehrerin an der Ernst-Barlach-Schule, steht in der Augsburger Straße 47, um an Georg Büttner zu erinnern.

Der Wert des Lebens

Carola Birzele, Lehrerin an der Ernst-Barlach-Schule, steht in der Augsburger Straße 47, um an Georg Büttner zu erinnern. Er zählt zu den Opfern der sogenannten „Krankenmorde“. Gerade als Lehrerin an einer inklusiven Schule ist es Carola wichtig, klar Position zu beziehen: „In unseren Berufen spiegelt sich wider, dass jedes Leben und jeder Mensch gleich wertvoll ist. Der Mensch, der Anwalt ist, ist genauso viel wert wie der Mensch mit einer geistigen Einschränkung. An Georg Büttner sehen wir die erschreckenden Folgen, wie unwert ein Leben betrachtet wurde. Wir sollten uns bewusst machen, wie schnell durch diese Ideologie Leben zerstört wurden.“

Bild links: Felicitas, Schülerin der Ernst-Barlach-Schule, steht in der Steinheilstraße 17, um an Emma Auburger zu erinnern. Bild rechts: Alle Pat*innen der Stiftung Pfennigparade stehen gemeinsam am Königsplatz.

Gleiches Recht für alle

Felicitas, Schülerin der Ernst-Barlach-Schule, steht in der Steinheilstraße 17. Sie macht auf das Schicksal von Emma Auburger aufmerksam, die nach einer Gehirnhauterkrankung eine Behinderung hatte und daher als „lebensunwert“ galt. Nachdem sie früh Vollwaise wurde, hatte sie einen Vormund, der in der Steinheilstraße lebte. Emma wurde mit 39 Jahren in der Tötungsanstalt Hartheim in Augsburg ermordet. Für Feli ist es wichtig, sich an Menschen wie Emma zu erinnern: „Sie wurden dafür ermordet, wie sie waren, obwohl sie keine Schuld hatten. Auch heute gibt es noch Menschen, die Inklusion nicht vorantreiben wollen. Für die Menschen mit Behinderung nicht das gleiche Recht haben sollten. Mir ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderung gesehen werden – wie jeder andere Mensch auch.“

Helmut Obst, Leiter der Bibliothek der Stiftung Pfennigparade, steht in der Sendlinger Straße 47, um an Milli Wolf zu erinnern.

Für die eigenen Werte einstehen

Helmut Obst, Leiter der Bibliothek der Stiftung Pfennigparade, steht für Milli Wolf in der Sendlinger Straße 47. An diesem Ort in der Fußgänger Zone, an dem heute eine Shoppingmeile beginnt, hat Milli gewohnt. Was Helmut Obst besonders nahe geht: „Alle aus ihrer Familie haben es geschafft zu fliehen. Nur sie blieb hier, wurde Zwangsarbeiterin und letztendlich in Auschwitz ermordet. Mir ist es wichtig, dass ich hier für Milli stehe. An sie erinnere. Dass sie nicht vergessen wird. Für alle Opfer war die damalige Zeit hier lebensbedrohlich. Jeden Tag aufs Neue. Wenn ich hier stehe, dann auch, um genau das zu tun: Für meine Werte einzuSTEHEN. Dafür, dass jeder Mensch das gleichwertige Recht hat, sein Leben zu leben.“

Helmut Obst und Ernst-Albrecht von Moreau, Vorstand der Stiftung Pfennigparade, erinnern an Milli Wolf.

Erinnerung lebendig halten

Auch Ernst-Albrecht von Moreau, einer der Vorstände der Stiftung Pfennigparade, nimmt an der „Rückkehr der Namen“ teil. „Ich finde dieses Projekt so sinnvoll, weil es die Schicksale konkreter Personen beschreibt, nicht nur Zahlen nennt, die abstrakt bleiben. Es ist wichtig, die Erinnerung an die Zeit des schrecklichen Nazi-Terrors lebendig zu halten. Es macht bewusst, wozu wir Menschen in extremen Situationen fähig sind. Als Vorstand eines Sozialunternehmens für Menschen mit Behinderung ist es mir wichtig, heute hier vor Ort zu sein. Immerhin leben wir in Zeiten, in denen die Diskussion über den Wert von Leben wieder aufflammt. Wir müssen dafür einstehen, dass jedes Leben und jeder Mensch wertvoll ist und jedem das Recht auf Teilhabe und Wirksamkeit zusteht und für eine Gesellschaft kämpfen, die auf Wahrheit und Gerechtigkeit baut.“

Viele Menschen mit Aktionsplakaten Die Rückkehr der Namen

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