Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Inhaltsbereich

... zum Nachdenken

 

Ruhe

 

Jean Vanier 2012 cropped 

Unsere Lebens- und Arbeitsgeschwindigkeit hat sich im Vergleich zu früheren Generationen vervielfacht. Immer mehr Möglichkeiten stehen dem Menschen zur Verfügung, um Zeit einzusparen. Und dennoch sagen immer mehr Menschen: „Ich habe keine Zeit! Wer keine Zeit mehr hat, fühlt sich ruhelos, unruhig, angetrieben, hektisch, gehetzt und nervös;   nie ist er zufrieden mit sich und seiner Welt……. Es gibt immer noch etwas zu tun, zu verbessern und zu verändern. Äußerliches Gehetzt-sein bei gleichzeitiger innerer Leere gilt auch als ein Anzeichen einer Burnout-Erkrankung.

Ruhelose  Menschen sind selten beim eigenen Herzen, immer irgendwie veräußerlicht, besonders durch die von allen Seiten herandrängenden medialen und digitalen Reize in Beschlag genommen, so dass  die eigene Innerlichkeit und das Gespür für das Eigenen immer mehr abhanden kommt. Kein Wunder, dass dabei die Seele als  Resonanzraum zunehmend verkümmert. Ruhelose Menschen verlieren nicht nur die  Fähigkeit nach innen zu spüren, sondern auch all das, was man als passiven Tugenden bezeichnen kann wie Geduld, Empathie und Hörfähigkeit. Weil ruhelose Menschen gern von einem Reiz zum nächsten springen, kann sich Gelesenes und Gehörtes kaum setzen, vertiefen oder gar ins eigene Herz drängen. Demgegenüber sagte Ignatius von Loyola(1491-1556): „Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“   

Stille, Schweigen und Ruhe hängen zusammen; während die Stille zunächst äußerlich sein kann,- die Stille im Wald oder in einer Kirche-, ist das Schweigen ein aktives Tun und die bewusste Entscheidung, den Mund zu halten; die Ruhe im Herzen ist das angestrebte Ziel. 

Wer die Meditation als Weg wählt, um zur Ruhe zu kommen,  muss aber zunächst damit rechnen, dass womöglich eine Menge angestauter Stress, Ängste und Negatives an die Oberfläche kommt. Dieses Zurückgeworfen-werden auf sich selbst, macht auch vielen Angst. Da könnte ja etwas hochkommen, was mir unangenehm ist oder mich durcheinander bringt, die Gewohnheitsblase sprengt oder mir sagt, dass ich an meinem Leben vorbeilebe. 

Deshalb wird Meditierenden geraten, den aufsteigenden Gedanken und Bewertungen nicht zuviel Macht einzuräumen, die Gedanken immer wieder loszulassen und sich mit dem eigenen Atem zu verbinden. Anselm Grün empfiehlt zudem, sich  von der Vorstellung leiten zu lassen, dass unterhalb all des Chaos ein Raum der Stille ist, zu dem niemand anderes Zutritt hat. Meditation kann in diesen inneren Raum führen.

Auch die Natur kann gestressten und getriebenen Menschen helfen zur Ruhe zu kommen; wer an einem Bach oder Fluss entlang wandert(oder sitzt), kann mit dem Strömen des Wassers spüren wie sich eigene Blockaden lösen; wer in der Stille des Waldes die Ohren spitzt, kann vielfältige Vogelstimmen hören, die eine unruhige Seele beruhigen können. Wer Gartenarbeit macht und in der Erde gräbt, kann zwanghafte Gedanken loswerden und wieder bodenständig werden. Wer im Schatten eines Baumes sitzt, kann die Zeit genießen, einmal nichts tun oder leisten zu müssen.

Manche Menschen kommen auch zur Ruhe und erkennen sich selbst vertieft wieder im kreativen Tun, beim Malen, Musizieren oder Gestalten; die Seele drückt sich aus im geschaffenen Werk, findet sich wieder in der Klangfolge eines Musikstückes….

Für manche ist Lesen guter Literatur oder Lyrik ein Weg, um zur Besinnung zu kommen und aus dem Hamsterrad der Arbeit einmal auszusteigen. Besonders Lyrik, kurze Verse, womöglich nur einzelne Wörter laden zu längerer Betrachtung ein, führen zum Nachdenken, zur Innerlichkleit. 

Die ersehnte Ruhe hat immer auch eine religiöse Dimension. In der Schöpfungsgeschichte heißt es von Gott, dass er am siebten Tag seines  Schöpfungswerkes ruhte, und sich an dem freute , was er erschaffen hatte (Genesis 2, 3); und dieser Gott will sein ganzes umherirrendes und wegloses Volk in seine Ruhe führen (Hebr 4, 1-11) und in Psalm 23 ist sich der den Betende sicher, von Gott zu einem „Ruheplatz am Wasser“ geführt zu werden. 

Der Schöpfungsmythos macht uns jedenfalls darauf aufmerksam, dass das  Leben aus Rhythmen besteht, - Anspannung und Entspannung, Schaffen und Ruhen- , die zu beachten, uns gut tun. 

Ein Siebtel unserer Lebenszeit soll der Ruhe gewidmet sein, dem Aussteigen aus dem Korsett der Pflichten und Anforderungen; Ruhezeit, in der ich nichts „erledigen“, planen oder voranbringen muss. Zeit zum zweckfreien Schauen, Zeit für absichtslose, liebevolle Begegnungen und zur Muße. 

Schon in dieser Welt müssen wir Menschen immer wieder ausruhen können von den Lebenskämpfen, Anstrengungen und Belastungen des Lebens. Und es gilt in heilsamen Ritualen, schon jetzt etwas von dieser lebendigen „ewigen Ruhe“ spüren zu lernen, die uns Gott auch am Ende unseres Lebens versprochen hat. 

Gerade die Urlaubszeit könnte Gelegenheit sein,  nach dieser lebendigen und ausstrahlenden Ruhe zu suchen. 

Literatur zur Vertiefung: 

Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien, Würzburg 1994 (Für Meditation)

Meinrad Dufner, Schöpferisch sein, Münsterschwarzach Bd 136 (Kreativität als spiritueller Weg)

Anselm Grün, Der Anspruch des Schweigens, Münsterschwarach 2003

Gustav Schädlich-Buter