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... zum Nachdenken

Respekt

zum nachdenken respekt

Jürgen Reitböck / pixelio.de

Nahezu alle Menschen wünschen sich, respektiert zu werden. Die klassischen Wege sich Respekt zu erwerben, sind Besitz, Geld und Statussymbole, aber auch Wissen, Titel oder besondere sportliche oder kulturelle Leistungen.

Doch die Wortherkunft von Respekt, das manchmal synonym für Angst gebraucht wird (Respekt vor einem bissigen Hund z.B.), weist uns noch auf eine wichtigere Dimension des Wortes. Das Wort „Respekt“ kommt vom lateinischen Wort „respicere“ und bedeutet zurückschauen, „noch einmal und immer wieder hinschauen“.

Zum Respekt scheint es zu gehören, dass ich mich nicht auf meinen ersten Eindruck verlasse, auf mein Vorurteil, meine vorgefasste Meinung, meine Schublade, in welche ich das Erlebte und die mir begegnenden Menschen einsortiere. Respekt heißt noch einmal hinschauen und bewusst seine Augen auf den Wert des anderen zu richten. Ich muss die vorgefassten Wertungen und Urteile zurücknehmen und mich  einer neuen Sichtweise öffnen. Respekt lässt sich daher als die Achtung vor dem anderen verstehen. Respekt hat mit der Würde des Menschen zu tun, die ich jetzt wahrnehmen kann; sie ist ein Widerhall auf dessen unbedingten Wert .

(vgl. dazu ausführlicher  A. Grün.,  P. Donders, Wertschätzung, die inspirierende Kraft gegenseitiger Achtung, Münsterschwarzach 2011)

Dass ich dem anderen Menschen Respekt erweise, hängt aber  auch an meinem Menschenbild. Wenn ich daran glaube und mir immer wieder bewusst, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde besitzt (wie es das Grundgesetz Artikel 1 formuliert hat/ die christliche Theologie begründet die Menschenwürde damit, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist), dann hilft mir das,  anderen respektvoll zu begegnen; und dies besonders,  wenn ich es  in konkreten Begegnungen mit unsympathischen, aufdringlichen oder boshaften Menschen zu tun habe. Diese Menschenwürde bleibt und zwar unabhängig von dem, was eine Mensch für eine gesellschaftliche Rolle spielt, welchen  Status er hat, ob er reich oder arm ist, ob krank , behindert oder gesund ; ob leistungsfähig oder auf Pflege angewiesen…..; und die Menschenwürde darf auch dem nicht genommen werden, der ein Gesetz gebrochen hat und straffällig geworden ist. 

Wenn ich mir als Seelsorger die Lebenswege und Schicksale von behinderten Menschen, die oftmals in unserer Gesellschaft übersehen und übergangen werden, genauer anschaue und anhöre, dann fordern mir  deren Lebensgeschichten nicht selten großen Respekt ab. Aber dazu muss ich mir Zeit nehmen, anhalten, mich umdrehen, umdenken (griech. metanoia), aus meiner vorgefassten Meinung aussteigen, genauer hinschauen und noch einmal hinschauen. Respekt kann auch geübt und gelernt werden.

Im Erweisen des Respektes erscheint mir der Mensch, dem ich diesen Respekt schenke, in einem anderen Licht. Respekt dient der Heilwerdung von uns Menschen, auch in dem Sinne, dass Menschen, die sich respektiert fühlen, sich zum Besseren wandeln können (wie es z.B. die biblische Geschichte vom Zöllner Zachäus zeigt; Lukas 19,1-10) 

Respektiert zu werden ist ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen. Wir sind alle auf Respekt angewiesen, weil wir im Empfangen von Respekt, Ansehen und Wert bekommen; und dadurch innerlich wachsen und dann auch selbst Respekt schenken können. Respekt schenken heißt,-  auf einen kurzen Nenner gebracht-, dass ich den Anderen in seiner Selbstachtung stärke, unterstütze  und fördere. 

Nicht selten machen viele  Menschen jedoch die gegenteilige Erfahrung, und fühlen sich respektlos behandelt. Wenn ich zum Beispiel mit meinen  Ansichten und Vorschlägen übergangen werde, wenn meine Leistungen und mein Einsatz für die Firma oder Familie nicht gesehen werden, wenn ich  von der „in-group“ ausgeschlossen werde, zu der nur die wichtigen Personen zugelassen sind,  dann fühle ich mich respektlos behandelt; oder, wenn ausgelacht oder beschimpft werde, weil ich nicht so aussehe wie die anderen, nicht so gut reden kann, nicht  so schnell im Verstehen wie die anderen bin, dann vermisse ich den Respekt.

Mauritius Wilde nennt in seinem Buch „Respekt“ drei unterschiedlich zu gewichtende Formen der Respektlosigkeit: 

die mildeste Form ist die Achtlosigkeit, wenn ich zum Beispiel bei der Begrüßung unabsichtlich, aber nachlässig vom Begrüßenden übergangen werde. Eine stärkere Form  der Respektlosigkeit sei die Missachtung, in der ich bewusst  übergangen werde oder meine Kompetenz in boshafter Weise nicht abgefragt wird. Die schlimmste Form der Respektlosigkeit sei jedoch die Verachtung, welche dem anderen alles Gute abspricht und dessen Würde leugnet (wie es aus geschichtlicher Perspektive  das Verhalten der Nazis gegenüber Juden belegt. 

Besonders gefährlich an erlebter Respektlosigkeit ist die menschliche Neigung, nun auch vor sich selbst den Respekt zu verlieren. Menschen, die sich selbst nicht respektieren, werde dann schnell zu Opfern -, ausgenützt, übergangen und missbraucht,  oder in der aggressiven Variante zu Tätern, die sich Respekt mit Gewalt zu erzwingen versuchen. Selbstrespekt ist jedenfalls eine wichtige Grundlage, dass ich auch anderen Respekt schenken kann.  (vgl. Mauritius Wilde, Respekt, Die Kunst der gegenseitigen Wertschätzung, Münsterschwarzach , 2.Aufl.2010, S. 12-24) Daher bedarf erlebte Respektlosigkeit einerseits die  scharfe Abgrenzung gegenüber dem Verletzenden, andererseits gilt es für sich selbst Wege zu finden, um die  Würde und den unbedingten Wert der eigenen Person wieder zu spüren. 

Die Verneigung ist eine menschliche  Grundform, jemanden Respekt zu zeigen (so z.B. auch im Aikido oder Kendo).  In einem Kurs ließen wir einmal die Teilnehmer vor einen Spiegel treten, um sich vor sich selbst zu verneigen. Dabei sollten sie respektvoll und liebevoll auf das eigene Leben schauen (auf den Lebensmut, auf das Durchgehaltene, Ertragene,  Durchlittene , Gelungene….) und die eigene Person zu würdigen (mit all ihren Stärken und guten Eigenschaften). Das wurde von vielen als sehr heilsam erlebt. Diese kleine, empfehlenswerte Übung kann jede und jeder auch für sich selbst vor dem eigenen Spiegel machen.

Gustav Schädlich-Buter