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... zum Nachdenken

Erinnern und erzählen

zum nachdenken engel

Gabriela Neumeier / pixelio.de

Wenn ich Trauerfeiern vorbereite, versuche ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammen wichtige Punkte aus der Lebensgeschichte des Verstorbenen zusammen zu tragen und  die einzelnen Mosaiksteine zusammen zu setzen. Das ist manchmal schwierig, weil die Lebensgeschichten und die wesentlichen Punkte des Lebens nie oder selten erzählt wurden. Manche sagen dann angesichts eines unwiderruflichen Abschieds: „Schade, dass ich ihn/sie solange gekannt habe und doch so wenig von ihm/ihr wußte.“

Tatsächlich zerrinnt uns selbst auch die eigene Lebensgeschichte, wenn wir nicht ab und zu innehalten, uns erinnern, oder anderen von unserem Leben erzählen. Das Konzept der Salutogenese hat herausgefunden, dass ein Leben dann als sinnvoll erlebt wird, wenn wir darin einen roten Faden finden können. Der jüdische Psychologe Aaron Antonovski spricht in diesem Zusammenhang vom „Kohärenzsinn“. Umgekehrt bleibt ein Leben, das nur Patchwork ist, in dem kein wirklicher Zusammenhang und eben kein roter Faden gefunden wird, unbefriedigend.
Deshalb ist es spätestens ab der Lebensmitte wichtig, dass wir uns, -zumindest  ab und zu-, an die eigene Lebensgeschichte heranwagen, zurückschauen, sie in ein Tagebuch aufschreiben oder sie einem anderen erzählen, was noch intensiver sein kann. 

Erinnern ist mehr als das Aufzählen von Daten wie bei einem tabellarischen Lebenslauf. Er-innern ist oft mit einer Anstrengung verbunden: Wie war das damals? Wie habe ich dies oder jenes erlebt? Mit welchen Gefühlen war es verbunden? Erinnerung muss auch gegen das Vergessen, den betäubenden Schlaf, die Verdrängung und das Verstricktsein ins Alltagsgetriebe ankämpfen. Erinnern ist eine Weise des Nacherlebens, des tieferen Nachdenkens, des Aneignens meines ureigenen und einmaligen Lebens mit all seinen Licht- und Schattenseiten, den Hindernissen und Lebenskämpfen, sowie den glücklichen und traumatischen Stationen, die es womöglich mit sich brachte. 

Erinnern fällt besonders dann schwer, wenn es mit Scham und Schuldgeschichten, Irrungen und Fehlern einhergeht, die einem womöglich erst jetzt so ganz bewusst werden. 

Doch fast jedes Leben hat auch Erhebungen (ähnlich den Noppen der Brailleschrift) und Ereignisse, die zur Dankbarkeit führen und ohne Ausdruck unerkannt und ungewürdigt bleiben.

Jedenfalls klärt die Erinnerung manches, was womöglich in der augenblicklichen Situation des Erlebens unverständlich und womöglich sinnlos erlebt geblieben ist. Es scheint, dass wir erst im zeitlichen Abstand, richtig erkennen und sehen lernen. Und nicht selten sind die entscheidenden Lebenserfahrungen jene, die bereits vorbei sind, aber zugleich stark in die Gegenwart nachwirken. Oft kann ich erst im Rückblick die wahre Bedeutung und Qualität eines Erlebnisses, eines Menschen, einer Beziehung, einer Begegnung, eines Gesprächs ….erkennen, erfassen und im Jetzt zur vollen Wirkung verhelfen. Im Prozess des Erinnerns bringe ich das „woher“ meines Lebens in einen Zusammenhang mit dem Jetzt und gewinne daraus womöglich Zukunft. Im Er-innern kläre ich mein Leben und werfe dabei überflüssigen Ballast aus meinem Lebens- und Entwicklungsfeld. Ich lerne im Erinnern und Erzählen mein Leben neu zu sehen.

Was hilft mir persönlich beim Erinnern? Ich lese gern Biografien.

Im Lesen von Biografien anderer Menschen komme ich nicht selten in Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte und den darin verborgenen Fragen. Jean Vanier, der Gründer der weltweiten Arche Gemeinschaften, erzählt sein Leben mit geistig behinderten Menschen immer im Kontext seines Elternhauses, seiner Suchprozesse, seiner Fragen und Antriebe.

Auch viele biblische Geschichten sind Lebensgeschichten- man denke zum Beispiel an die Abrahams-, die Mose-, oder die Josefsgeschichte und viele andere-, die mit Aufbruch, Befreiung, Familie, mit Licht und Schatten exemplarisch Anteile unserer eigenen Lebensbewegung spiegeln, und den Leser anregen über die eigene Biografie nachzudenken. 

Impuls: 

Schreibe in dein Tagebuch oder erzähle jemanden von Deinem Leben: (zur Hilfe mehrere Fragen)

Welche Menschen (Eltern, Lehrer, Vorbilder…)waren mir besonders wichtig? Schreibe alle Namen auf!

Welche (individuellen oder geschichtlichen) Ereignisse im Leben waren für mich zentral, erschütternd, lebenswendend, total wichtig? Gab es entscheidende Weichenstellungen in meinem Leben (in meinem Denken, Fühlen, meinen Weltanschauungen?

Finde ich einen roten Faden in meinem Leben?

Welche Niederlagen/Scheitern/Verluste gab es in meinem Leben und wie bin ich damit umgegangen?

Welches waren die besten Entscheidungen meines Lebens

Gab es Musikstücke, die bis  tief in die Seele hineingewirkt haben?

Kenne ich Bilder, die sich tief in mich eingeprägt haben?

Gab es Bücher(Romane, Gedichte..), die mich bewegt oder sogar verändert haben? Kenne ich biblische Geschichten, die mich besonders beschäftigten, berührten oder Orientierung gaben?

Literatur zur Vertiefung:

Nouwen, Henri, Von der geistlichen Kraft der Erinnerung, Freiburg 1984

Ortheil, Hans –Josef, Die Erfindung des Lebens,  München 2009 (sehr lesenswerter autobiografischer inspirierter Roman wie ein stummes Kind zur Sprache kommt)

Petzold, Theodor D (Hrsg.), Herz mit Ohren, Salutogenese und Sinn, 2.Aufl.  Bad Gandersheim 2012 

Vanier, Jean Wege zu erfülltem Mensch Sein, Freiburg, Basel, Wien 2001

Filmempfehlung:

Jo Baier(Regie), Das Ende ist der Anfang – Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens (nach dem Bestseller von Tiziano Terzani mit Bruno Ganz und Erika Pluhar (Schauspieler), 2011; ein sterbender Journalist erzählt seine Lebensgeschichte seinem Sohn)

Gustav Schädlich-Buter