Wie gelingt der Schritt aus der Werkstatt hinein in den allgemeinen Arbeitsmarkt? Der Werkstattbereich AtWORK der Pfennigparade begleitet Menschen mit Behinderung seit über 13 Jahren auf diesem Weg – mit Praktika, ausgelagerten Arbeitsplätzen bis hin zu sozialversicherungspflichtigen Anstellungsverhältnissen. Zusätzlich erfahren sie intensive Unterstützung durch Jobcoaches.
Bessere Chancen auf berufliche Bildung und auf Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt – diese Ziele sollen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen künftig noch stärker verfolgen. So steht es im aktualisierten Fachkonzept für Eingangsverfahren und Berufsbildungsbereich der Bundesagentur für Arbeit, das im November 2025 vorgestellt wurde.
Deutschlandweit liegt die Übergangsquote seit Jahren deutlich unter einem Prozent. Und das, obwohl die Werkstätten den gesetzlich festgeschriebenen Auftrag haben, Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten und zu vermitteln. Die Gründe für die insgesamt niedrigen Vermittlungsquoten sind vielfältig.
Die Pfennigparade bietet mit AtWORK seit 13 Jahren einen speziellen Werkstattbereich, der die Durchlässigkeit zum ersten Arbeitsmarkt erhöhen soll und Menschen mit Behinderung ermöglichen soll, ihrem Wunschjob nachzugehen. Wir haben mit AtWORK -Bereichsleiter Arne Hanselmann gesprochen, um mehr darüber zu erfahren.
Mit AtWORK bietet die Pfennigparade Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderungen, die außerhalb einer Werkstatt arbeiten möchten – temporär oder dauerhaft. Das können Praktika sein, ausgelagerte Arbeitsplätze oder eine reguläre Anstellung.

Interview mit AtWORK-Leiter Arne Hanselmann
Wie viele Werkstattbeschäftigte der Pfennigparade konnten im vergangenen Jahr Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt sammeln?
Arne Hanselmann: „Wir konnten im letzten Jahr 30 Praktika vermitteln. Außerdem arbeiten 49 unserer Werkstattmitarbeitenden auf ausgelagerten Arbeitsplätzen, also mit einem Werkstattvertrag in einem Unternehmen vor Ort auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Zwei Personen konnten wir in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln.“
Gibt es für jeden Menschen einen passenden Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt, wenn man nur lange genug sucht?
„Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf eine passende Stelle finden können. Aber es gibt viele Faktoren: Eine Firma muss offen für Inklusion sein, ebenso die Leitung und die Mitarbeitenden. Ich will nicht ausschließen, dass es für manche Menschen keine passende Stelle gibt – aber wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können sehr viele Menschen erfolgreich integriert werden. Manchmal braucht es mehrere Praktika, bis wir die richtige Stelle gefunden haben. Aber wenn das Umfeld stimmt, ist es ein Gewinn für alle.“
Was ist der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Vermittlung?
„Eine enge Begleitung ist entscheidend. Und die Firmen müssen auch sagen dürfen, wenn etwas nicht gut läuft.“
Wie genau sieht diese Begleitung durch Jobcoaches bei der Pfennigparade aus?
„Wir begleiten sehr intensiv. Dazu gehört alles, was im Vorfeld wichtig ist: Klärungsgespräch, Vorbereitung, Recherche. Wir besprechen Themen wie Therapie, Pflege oder Fahrtweg. Wir unterstützen bei der Erstellung von Lebenslauf und Anschreiben, recherchieren Firmen, platzieren die Bewerbung. Wenn ein Praktikum beginnt, sind wir am ersten Tag immer dabei. Wir sprechen offen über die Beeinträchtigung – sowohl mit der Person als auch mit der Firma. Viele Unternehmen sind anfangs unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Deshalb begleiten wir auch in der ersten Woche vor Ort. Wir gehen Aufgaben Schritt für Schritt durch und erstellen Anleitungen, wenn nötig. Wir dokumentieren Abläufe und bauen Vertrauen auf. Nach vier Wochen führen wir ein erstes Zwischengespräch. Außerdem unterstützen wir die Unternehmen bei Anträgen. Auch im weiteren Verlauf des Praktikums bleiben wir stets verfügbar und sind Ansprechpartner, sowohl für die Person mit Behinderung als auch für das Unternehmen. Wir begleiten auch weiterhin vor Ort. All diese Bemühungen sind notwendig. Das Verfahren hat sich bewährt.“
Welche positiven Erfahrungen gibt es?
„Ein Beispiel ist das Rosewood-Hotel, ein Fünf-Sterne-Haus, das Praktika für Menschen mit Behinderungen ermöglichen will. Wir hatten drei Bewerbungen von Werkstattmitarbeitenden, es gab Vorstellungsgespräche und Hospitationen. Zwei Personen starten nun im Februar 2026 in ein dreimonatiges Praktikum mit Chance auf Verlängerung. Ein anderes Beispiel ist eine Werkstattmitarbeiterin mit einer erworbenen Beeinträchtigung. Sie war früher selbstständig und arbeitet jetzt als Praktikantin in einer Therapiepraxis in der Buchhaltung – das soll ein ausgelagerter Arbeitsplatz werden.“
Lassen sich alle Probleme lösen, wenn man sich nur genügend bemüht?
Arne Hanselmann: „Nein. Manchmal sind die baulichen Gegebenheiten so, dass man zum Beispiel mit einem Rollstuhl nicht vorankommt, gerade bei alten, denkmalgeschützten Gebäuden. Aber es gibt natürlich viele Menschen mit Beeinträchtigungen, die nicht zwingend auf den Rollstuhl angewiesen sind. Denn auch unabhängig von baulichen Hürden kann es etwa in besonderen stressigen und hektischen Bereichen von Unternehmen schwierig sein. Wir hatten jemanden, der früher im Top-Management des allgemeinen Arbeitsmarkts gearbeitet und dann einen Schlaganfall hatte. Der Versuch, ihn wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt in einer vergleichbaren Position zu integrieren, ist gescheitert, weil dort einfach nicht genügend Rücksicht genommen wurde. Heute geht diese Person einer erfüllenden Tätigkeit im Deutschen Museum nach und ist damit sehr glücklich.“
Was genau ist ein ausgelagerter Arbeitsplatz?
„Ein ausgelagerter Arbeitsplatz bietet die Chance, in einem geschützten Rahmen wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig zu werden. Die Person bleibt dabei zunächst Mitarbeitender der Werkstatt. Dabei werden Löhne gezahlt, die meist höher als in der Werkstatt sind. Im Idealfall wird er oder sie langfristig in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vom Unternehmen übernommen.“
Was verändert sich, wenn Mitarbeitende mit Behinderungen in ein Unternehmen inkludiert werden?
„Das Teamgefüge ändert sich. Die Mitarbeitenden fangen häufig an, mehr aufeinander zu achten. Sie werden hilfsbereiter. Es entstehen positive Effekte auch dann, wenn es inhaltlich mal nicht perfekt läuft. Wichtig ist, dass die Person mit ihren Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit im Vordergrund steht und die Beeinträchtigung nicht zu stark gewichtet wird.“
Es gibt aktuell viel Kritik an Werkstätten. Sie würden Inklusion eher behindern als fördern. Besonders kritische Stimmen sprechen gar von Ausbeutung.
„Wir setzen als Werkstatt alle Kraft und Energie auf die Vorbereitung des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dennoch möchte nicht jeder die Werkstatt verlassen. Manche benötigen und schätzen den geschützten Rahmen. Oder sie sind einfach noch nicht so weit. Manchmal braucht es Jahre, und doch führt jeder kleine Schritt zum Ziel. Den Dingen Zeit zu geben, ist entscheidend. Wir achten auf die individuellen Wünsche.
Gibt es hier nicht auch sich widersprechende Aufträge an die Werkstätten? Einerseits sollen sie Menschen mit Behinderungen wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt machen, andererseits sollen sie selbst möglichst wirtschaftlich arbeiten – was schwieriger ist, wenn die fähigsten Kräfte die Werkstatt verlassen.
„Es gibt zwei Dinge, die für mich ganz klar sind: Erstens das Wunsch- und Wahlrecht der Werkstattmitarbeitenden. Zweitens, dass wir eine Dienstleistung für die Werkstattmitarbeitenden bieten. Das bedeutet: Wir bieten die Möglichkeit, aus der Werkstatt herauszugehen und auszuprobieren und zu prüfen, ob man auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten kann. Es ist unser zentraler Auftrag, diesen Weg zu eröffnen. Wenn wir nicht auf die Wünsche der Werkstattmitarbeitenden hören und ihr Wahlrecht respektieren, dann ist das eine negative Machtausübung. Ich sehe uns in erster Linie als Chancengeber. Wenn wir es nicht ermöglichen, wer dann?“
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