Inklusion in Bewegung: Partizipatives Tanzprojekt „Selbst-Tanz-Sein“

Personen mit und ohne Rollstuhl führen Tanzbewegungen aus

Im partizipativen Tanzprojekt „Selbst-Tanz-Sein“ kommen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um zeitgenössischen Tanz zu gestalten. Das Tanzperformance-Projekt der Stiftung Pfennigparade in Kooperation mit dem inklusiven Sportverein INSEL.Zeit e.V. findet seinen Höhepunkt am 5. Juli mit einer Live-Performance im Petuelpark – erfahren Sie mehr.

Hände malen unsichtbare Formen in die Luft, Füße und Räder gleiten über den Boden, und Oberkörper wiegen sich im Takt der Musik hin und her. 14 Tänzer*innen bewegen sich quer durch die große Turnhalle der Ernst-Barlach-Schule. Alle auf ihre Art – egal, ob im Rollstuhl sitzend, frei oder am Rollator gehend.

Am Anfang des Projekts stand die Frage, was jede*r Teilnehmende individuell mitbringt und welche künstlerischen Ausdrucksformen sich daraus ableiten lassen. Partizipatives Arbeiten lautet der Begriff für diese Methodik. Oder, wie es Gina Gleissner, Sport- und Sonderpädagogin beim INSEL.Zeit e.V., formuliert: „Wir wissen nicht, wie die Choreografie am Ende aussehen wird“. Schließlich sollen alle Teilnehmenden ihre Ideen und Vorstellungen einbringen können.

Tanz erwächst aus jeder bewusst ausgeführten Bewegung

Gina Gleissner hat das Projekt „Selbst-Tanz-Sein“ zusammen mit Barbara Galli-Jescheck, Choreographin und Tanzvermittlerin, konzipiert. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Pfennigparade und des inklusiven Sportvereins „INSEL.Zeit“ e.V.. Vanessa Thron ist professionelle Tanzvermittlerin und Tänzerin mit Körperbehinderung und als drittes Teammitglied dazu gekommen.

Personen mit und ohne Rollstuhl führen Tanzbewegungen aus

In der ersten Phase im Februar bis März dieses Jahres haben die Teilnehmenden unterschiedliche Innenräume erkundet. In der zweiten Phase ging es um die Wechselwirkung von Körper und Natur. Wie fühlt sich Sonnenlicht auf der Haut an? Welche Bewegungen entstehen aus Wärme, Licht oder Wind? So entstand eine Sequenz, bei der die Teilnehmenden wie ein Bienenschwarm auseinanderstreben und wieder zusammenfinden. In der Entwicklung der Performance, der dritten Stufe, bündeln sich die Bewegungsmuster und Sequenzen mit choreografischen Elementen hin zu einer Live-Perfomance.

Perspektivwechsel durch tänzerischen Dialog

Es braucht viel Mut und Offenheit, um sich auf einen solchen Prozess einzulassen. Für die Teilnehmenden ist es eine Chance, die eigenen Grenzen auszudehnen und sich im Tanz neu und anders zu erfahren.

„Ich entdecke für mich neue Bewegungsformen, die ich in meinem Alltag nie oder unbewusst mache“, sagt Teilnehmerin Ricarda Marx, die mit infantiler Zerebralparese lebt. „Ich muss mich daran gewöhnen, dass die Bewegung aus mir selbst herauskommen darf. Ich bin gespannt, wie ich mich auf der Bühne vor Publikum bewegen werde.“

Personen mit und ohne Rollator führen Tanzbewegungen aus

„Wer atmen kann, kann tanzen“

Das Projekt ist an das naturphilosophische Werk „Selbst-Natur-Sein“ von Phillip Thomas angelehnt, in dem der Körper als die unmittelbarste Naturerfahrung herausgestellt wird. Bewegungen sind demnach weder richtig noch falsch, sondern allein tänzerisch-kreativer Ausdruck. Das Projekt betont die Unterschiedlichkeit von Menschen und hebt jede Ab- und Aufwertung von Menschen mit und ohne Behinderung auf. „Wer atmen kann, kann tanzen“, sagt Alito Alessi, Pionier der DanceAbility im zeitgenössischen Tanz.

Allerdings haben Menschen mit Beeinträchtigung nur selten Zugang zu offenen Tanzprojekten, da die passende Infrastruktur meist nicht zur Verfügung steht. Umso bemerkenswerter ist, dass so viele Menschen mit Behinderung teilnehmen, wie nie zuvor an einem vergleichbaren Projekt.

Abschlussperformance am 5. Juli im Petuelpark

Die Abschlussperformance wird am 5. Juli von 17 bis 18 Uhr unter freiem Himmel, bei freiem Eintritt und mit musikalischer Begleitung durch einen Akkordeonspieler stattfinden. Hierzu laden wir herzlich ein.

Das Projekt „Selbst-Tanz-Sein“ wird durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München sowie von den Bezirksausschüssen Milbertshofen-Am Hart, Schwabing-Freimann und Schwabing-West ermöglicht.

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