München, 22. April 2025. Mit der Barrierefreiheit allein soll es nicht erledig sein! Das Deutsche Museum und die Stiftung Pfennigparade gehen jetzt in Sachen Inklusion den nächsten Schritt und bieten ab sofort Führungen an, die jeweils von einem Menschen mit (teils schweren) und einem Menschen ohne Behinderung im Tandem durchgeführt werden. Damit übernehmen Menschen mit Einschränkungen erstmals die führende Rolle eines Guides und informieren Besucherinnen und Besucher zu den Ausstellungen. Infolge dieser Rollenumkehr entstehen völlig neue und auch ganz unerwartete Perspektiven – für die Museumsbesucher*innen, für die Tandem-Guides aus dem Museum und auch für die Menschen mit Behinderung selbst. Berührungsängste und Barrieren bauen sich ab. Die Führungen sind in das Tagesprogramm integriert und werden zukünftig regelmäßig angeboten. Das Modell setzt für die Zukunft neue Maßstäbe in der Inklusion und regt bundesweit zur Nachahmung an.
Das Deutsche Museum und Stiftung Pfennigparade arbeiten seit 2022 hinsichtlich der Gestaltung der barrierefreien Vermittlungsangebote zusammen. Der Initialgedanke für die Tandemführungen entstand aus dem gemeinsamen Bestreben, über den barrierefreien Zugang für Menschen mit Behinderung hinaus, den nächsten Schritt zu gehen und Inklusion wahrhaft zu etablieren.
Gemeinsam in Führung gehen
Was bedeutet es in Führung zu gehen? Mit einer Behinderung die Verantwortung für andere zu übernehmen? Als Experte wahrgenommen zu werden? Milan Bacskai und Armin Cremerius heißen die beiden ersten Guides mit (teils schweren) Behinderungen, die künftig selbst diese Erfahrung machen können. Jeweils im Tandem mit Anna-Lena Kämper, 40 Jahre, und Tom Sittenauer, 60 Jahre, beide Museums Communicator, geben sie ab sofort Führungen im Deutschen Museum für alle Besucherinnen und Besucher.
Die neuen Tandems arbeiten auf Augenhöhe: Die Guides wechseln sich ab und berichten einzeln zu den Exponaten. Die Menschen mit Einschränkung übernehmen Ausstellungsinhalte, die ihre Interessen spiegeln. Dadurch gehen ihnen Führungen leicht von der Hand und sie berichten mit großer Leidenschaft zum Thema.
Milan sitzt im Rollstuhl und benötigt ein Beatmungsgerät. Er ist als Guide in der Ausstellung Robotik unterwegs, in der Maschinen vorgestellt werden, die den Alltag erleichtern. Dabei spielt auch das Thema Ethik eine Rolle. Auch Ideen zu Innovationen, wie beispielsweise der Gedanke, mit dem Rollstuhl einen Aufzug zu rufen, entwickeln sich hier. Armin hat eine Sprachstörung. Er ist als Guide in der Luftfahrt eingesetzt und informiert beispielsweise über die Messerschmid 262.
Besucherinnen und Besucher nehmen die Guides mit Behinderung als Experten wahr, auf die Behinderung kommt es nicht an
Die Museumsbesucherinnen und -besucher erleben – oft zum ersten Mal – Menschen mit Behinderung in der führenden Rolle. Dadurch ergeben sich völlig neue, unerwartete Perspektiven. Auch die Tandempartner ohne Behinderung, machen signifikante Erfahrungen. „Die Menschen nehmen die Guides als Experten wahr, auf die Behinderung kommt es nicht an“, sagt Kämper, Tandempartnerin ohne Einschränkung. Insgesamt sind die Führungen ein Vorzeigebeispiel für das Voranbringen von Inklusion, da sie niederschwellig der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen. Diese Begegnung fördert den Abbau von Berührungsängsten und Barrieren.
Modell setzt für die Zukunft neue Maßstäbe in der Inklusion
In der Interaktion mit den Tandempartnern entsteht eine außerordentliche Dynamik, die mentale Kräfte freisetzt und das Selbstwertgefühl stärkt. Auch die positive Resonanz der Besucherinnen und Besucher trägt ganz wesentlich dazu bei. Für Milan und Armin geht es entscheidend darum, Ängste zu überwinden, Herausforderungen anzunehmen und dabei auch Spaß zu haben.
Zu seiner Aufgabe als Guide kam Milan durch ein Praktikum, das er im Deutschen Museum im Bereich Museumsbetrieb und Vermittlung durchgeführt hat. Dabei nahm er häufig an Führungen teil, konnte Wissen sammeln und die Abläufe vertiefen. „Ich finde es toll, dass wir die Führungen nicht trocken machen, sondern experimentell unterwegs sind, mehr praktisch und vor allem auch locker, mit Spaß“, sagt er begeistert. Dabei spürt man genau, wie wichtig ihm seine Aufgabe ist. Er will dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit bemerkt, wie viele Menschen mit Behinderung ein Museum besuchen und Menschen mit Einschränkungen auch in der Führung erleben wollen.
Armin hat einen Außenarbeitsplatz in der Bibliothek des Deutschen Museums und liebt seine Aufgabe als Guide genauso: „Mit gefällt vor allem die Vielfalt. Ich denke außerdem, dass es eine Win-Win-Situation für beide Organisationen ist, deswegen hoffe ich, dass es weitergeht und, dass wir aus den bisherigen Erfahrungen Schlüsse für die Zukunft ziehen.“
Deutsches Museum und Stiftung Pfennigparade in der Vorreiterrolle
„Auf meine Frage hin, was macht es eigentlich mit den Besucher*innen, wenn plötzlich Menschen mit Behinderung eine Führung geben – zum Teil auch mit sprachlichen Einschränkungen – habe ich die denkbar schönste Antwort erhalten: Die Besucher*innen hören genauer hin. Und sie kommen näher, rücken auch mehr zusammen. Die Behinderung spielt dabei keine Rolle mehr, es geht den Besucher*innen um den Experten / die Expertin“ sagt Thomas Heymel, Leiter Corporate Development der Stiftung Pfennigparade und Mitinitiator des Projekts.
Sandra Kittmann, verantwortlich für den Fachbereich Barrierefreiheit und Inklusion im Deutschen Museum und Mitinitiatorin des Projekts, sagt: „Mit der Pfennigparade gehen wir hier einen neuen wichtigen Schritt in Richtung Inklusion im Bildungsbereich. Wir für euch – gerne jederzeit an Aktionstagen und Führungsangeboten, doch gemeinsam für alle – das ist das eigentliche Ziel der Inklusion!“
Ihr Ansprechpartner für weitere Presseinformationen: Thomas Heymel, Mitinitiator des Projekts und Leiter Corporate Development der Stiftung Pfennigparade, Mobilnummer: 0176 19900448, thomas.heymel@pfennigparade.de